Giuseppe Mion – Ein halbes Jahrhundert im Dienste des VSV

Giuseppe Mion und der VSV. Wie begann diese Geschichte eigentlich?

Kennengelernt habe ich den VSV beim Fußball im Stadion in Lind. Ich habe zwar kein Geld für den Eintritt gehabt, habe aber über den Zaun Fußballspiele mitverfolgt und bin so auch erstmals mit den blau-weißen Farben in Berührung gekommen. Man hat mir erklärt, was der VSV eigentlich ist. Als wir später nach St. Martin gezogen sind, wurden Eishockey-Spieler gebraucht um an der Schülermeisterschaft mitzuspielen und so kam auch ich zum Eishockey. Damals gab es schon eine Kunsteisbahn, später kam dann auch noch das Dach hinzu und somit war ich von der ersten Sekunde an dabei, bei den ersten Spielen in der “Stadthalle” als die Zuseher noch auf Schneehügeln gestanden sind. 

Wie würdest du deine 50 Jahre im Dienste des EC VSV beschreiben?

50 Jahre sind eine ganz schön lange Zeit. Als ich hier angefangen habe, hätte ich mir das alles gar nicht vorstellen können – ich konnte aber in die Rolle als Spieler und als Manager hineinwachsen. Das ist kein Beruf, kein Job, man macht es nicht wegen Geld – ich würde es eher als Berufung bezeichnen. Man braucht von allem eines: Talent, Gespür und ich war immer ein Teamspieler. Ich wollte nie meine Person in den Mittelpunkt stellen, sonder mir war in erster Linie immer der VSV wichtig. 

Schon von Beginn an war der VSV meine Heimat, ein wichtiger Rückhalt in meinem Leben. Sport ist für jemanden, der von zu Hause aus keine guten wirtschaftlichen Voraussetzungen hat, ein sehr wichtiger Lebensbestandteil – er prägt einen Menschen und sorgt für eine gute soziale Gesinnung. Wenn ich an die letzten 50 Jahre zurückdenke, muss ich immer lachen, “weils anfoch a geile Gschicht’ is!”

Doch jetzt geht eine Ära zu Ende…

Derzeit fühle ich mich wie damals als 34-jähriger. Ich schließe nun ein sehr wichtiges Kapitel in meinem Leben ab, habe aber ein gutes Gefühl dabei, weil der Weg immer weiter geht. Ich war als Spieler immer Kapitän und ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Mannschaft, Trainer und Vorstand – somit ging der Übergang zwischen Spieler und Funktionär sehr schnell. Meine Karriere als Spieler ging zu Ende, es hat aber nie weh getan, nicht mehr spielen zu können. Ich war sehr euphorisch und habe die Aufgabe als Funktionär mit sehr viel Leidenschaft angenommen, da war es mir auch egal, dass ich nie das verdient habe, was andere in solchen Positionen und mit soviel Verantwortung verdienen. Nun gehe ich weiter in die nächste und letzte Station beim VSV.

Wenn du an die sechs Meistertitel zurückdenkst, bei denen du sowohl als Spieler, als auch als Vereins-Obmann dabei warst, welcher davon ist für dich einzigartig?

Es war der erste Meistertitel als Obmann! In der Saison 1998/99 hatten wir wahrscheinlich die stärkste VSV-Mannschaft, die es jemals gegeben hat – Jean-Yves Roy, Gino Cavallini, Marty Murray, Herbert Hohenberger und viele andere. Ein Finale gegen Klagenfurt und zuvor den fünfmaligen Meister Feldkirch auszuschalten – was der Auftrag für den VSV und den KAC war, um die Vorherrschaft wieder nach Kärnten zu holen – ergab einen großen gesellschaftlichen Druck von Seiten der Fans und der Medien. Die Emotionen waren enorm hoch und dies war mein erster großer Erfolg nach knapp fünf Jahren im Amt als Obmann, nachdem es für den VSV schon immer schwer war ein großes Budget auf die Beine zu stellen und gute Spieler zu verpflichten. Trotzdem ist es uns immer wieder gelungen, einen Spitzenmannschaft zu sein. 

Ehemalige Spieler werden oft gefragt, wie sich der Eishockey-Sport in den letzten Jahrzehnten verändert hat – wie hat sich deiner Meinung nach die Vereinsführung entwickelt?

Es gab eine komplette Veränderung. Früher war ich ein Einzelkämpfer, ich konnte mich so gut wie immer durchsetzen, habe aber auch sehr viel riskiert, damit der VSV den Anforderungen seiner Fans und der Geschichte entspricht. Vor fünf, sechs Jahren habe ich erkannt, dass ich den “Karren” nicht mehr selbst ziehen konnte. Es gab immer größere Anforderungen der Liga und der Fans, hinzu kamen Soziale Medien, die einem die Arbeit noch schwerer machen, als sie ohnehin schon ist. Ich hatte mit der Zeit aber immer mehr Personen, die mich unterstützt haben und auch ihnen sei einmal ein Danke gesagt, nachdem die meisten von ihnen so oft unerwähnt geblieben sind.  

Wie beurteilst du die Rolle der Liga in dieser Entwicklung – Spieler loben die Ligafunktionäre oft, weil ihrer Meinung nach immer etwas voran geht, du hast als Vorstand des EC VSV enger mit der Liga zusammengearbeitet und weißt worauf es auch in Zukunft ankommen wird. Ist die Erste Bank Eishockey-Liga dort, wo sie in der Saison 2017/18 auch sein sollte?

Diese Zusammenarbeit funktioniert. Oft ist es nicht gut, wenn man kritisiert, aber mit unserer Liga bin ich persönlich nicht ganz zufrieden – die Liga ist mir nicht österreichisch genug! Auf die heimischen Mannschaften wird meiner Meinung nach zu wenig Rücksicht genommen und die administrative Verwaltung verschlingt meiner Meinung nach viel zu viel Geld.  Seit dem Einstieg der “Erste Bank” wurden aber auch sehr viele tolle Projekte im Bereich der Nachwuchsarbeit durchgeführt und auch die Kommunikation zwischen den Vereinen wurde besser – es ist Ruhe eingekehrt. Dennoch muss man ehrlich sagen, dass wir im internationalen Vergleich, auch was die Nationalmannschaft betrifft, schon weiter waren, als wir derzeit sind. 

Spielerisch wird die Liga immer professioneller, finanzstarke Teams holen für jeden Verletzen einen Ersatz, das System verändert sich schneller als zuvor, kann man unter solchen Vorzeichen mit dem „Villacher Weg“ noch so erfolgreich sein wie früher oder müssen sich VSV-Fans mit den neuen Zielen (Playoff und Anschluss an die Top 4) zufriedengeben, wenn sie regelmäßig unter 20 Jahre alte Spieler am Eis sehen wollen?

Das ist die wichtigste Frage, die sich der VSV und auch der VSV-Fan für die Zukunft stellen muss. Medien und Fans haben immer den Wunsch transportiert, junge Villacher Spieler am Eis sehen zu wollen. Diesem Wunsch sind wir nachgekommen und hatten immer 13, 14 oder sogar 15 Villacher Spieler im Kader – andere Mannschaften haben sich von dieser Philosophie schon lange verabschiedet. Unter 200 Villacher Nachwuchsspielern die es in die erste Mannschaft schaffen, ist vielleicht ein Mal ein Spieler dabei, der den Sprung in die NHL schafft bzw. einige sehr gute Spieler die nur knapp daran scheitern in europäischen Top-Ligen mitzuspielen. Diese Spieler kann der Verein nicht halten, da es unter anderem in Österreich finanzstärkere Teams gibt, die eben solche Spieler immer wieder abwerben – in diesem Rad befindet sich der VSV.

Beispiel: Spielplan: 5 Spiele in 10 Tagen, dann 10 Tage frei oder innerhalb von 4 Spieltagen 3 Partien gegen Fehervar – Nicht nur, dass wie im ersten Beispiel der Spielrythmus leidet, zwei Sonntage zu Hause gegen den selben „unattraktiven“ Gegner zu spielen erfreut auch die Fans nicht unbedingt. In wie weit können einzelne Verein Einfluss auf die Handlungen der Liga nehmen?

Mir hat die Reaktion der Medien nicht gefallen. Die anderen Teams spielen den selben Plan. Die Auflagen von Liga und Sponsoren, die Installierung der “Champions-Hockey-League” (CHL) – die vielleicht keine schlechte Sache ist – in Wahrheit aber auch nicht funktioniert, brachte halt auch das Ligasystem durcheinander. 

Man wollte es aufziehen wie im Fußball, dass es aber keine ausverkauften Hallen mit rund 20.000 Zusehern gibt, wenn Wien oder Linz als Gast bei einer schwedischen oder finnischen Mannschaft sind, sollte im Vorhinein schon klar gewesen sein. Ich verstehe aber auch den Sponsor dieser Liga (Anm. CHL), dass er die besten Fernsehzeiten haben möchte, aber wenn man nun die Liga-Breaks hinzunimmt, die Spiele mit der Nationalmannschaft, die A oder B-WM und vielleicht noch die CHL spielt und schlussendlich noch die Hallen-Nichtverfügbarkeit hinzukommt, bleiben nur “wenige” Tage für die Ligaspiele übrig und kommt es zu einem Spielplan wie wir ihn jetzt haben. 

Stefan Widitsch hat nach seinem Abschied auf die Frage nach dem Umgang mit Kritik gemeint, dass man sich das nicht zu Herzen nehmen darf, da Außenstehende nicht wissen welche Arbeit man vollbringt und Kritiker auf der Suche nach Schuldigen meist den Vorstand ins Auge fassen. Was geht in einem Menschen wie dir vor, wenn man 50 Jahre lang für den VSV lebt und versucht sein Bestes zu geben und dann trotzdem stark in der Kritik steht?

Kritik ist immer gut – wenn man lange im Geschäft ist, wird man “Betriebsblind”. Konstruktive Kritik hilft einem  sich zu verbessern. Wir haben viel versucht, viele verschiedene Mitarbeiter in den verschiedensten Abteilungen engagiert – aber trotzdem musste halt ich den Kopf hin halten, doch das gehört dazu. In einer Position, wie ich sie hatte, ist man 24 Stunden pro Tag beschäftigt – mal besser, dann wieder schlechter gelaunt. Das wirkt sich aber leider auch oft auf das Privatleben aus. Ich bin froh, auf einen Freundeskreis zurückgreifen zu können. Oft wird gesagt, dass manche Freunde nur bei Erfolg für einen da sind – das ist bei meinen Freunden aber absolut nicht der Fall und auch meine Partnerin ist mir vor allen in letzter Zeit sehr zur Seite gestanden und gab mir Kraft die Entscheidung zu treffen, nun etwas kürzer zu treten. 

Was mich viel mehr mitnimmt als Kritik, ist sportlicher Misserfolg. Es beschäftigt mich immer, wenn Punkte liegengelassen werden, die man im Normalfall holen kann und muss. Man grübelt viel und versucht so gut man kann zu Helfen, um auf den erfolgreichen Weg zurück zu kehren. 

Wie kam es zu deiner Entscheidung, dich aus dem operativen Bereich zurückzuziehen?

Ich habe immer gesagt, dass ich keinen Nachfolger suche – er wird einmal vor mir stehen. Ich kannte Ulf Wallisch bereits durch seine Arbeit in Augsburg und als er im Sommer plötzlich da stand begannen wir zu reden, dass wir etwas machen müssen. Es ging nicht um Giuseppe Mion, Greg Holst oder irgendwelche Spieler, sondern es geht um den VSV. Und in diesen Gesprächen habe ich begonnen darüber nachzudenken und mir wurde bewusst, dass die Verantwortung gegenüber der Fans und auch der Spieler so groß ist, dass ich das Ganze, also den VSV, nicht den Bach hinunter schwimmen lassen darf. Wenn es schwierig wird, merkt man wie gut jemand in seinem Handeln ist und mir ist es von Gespräch zu Gespräch besser gegangen, wir haben die Situationen rund um die Mitarbeiter im Verein beleuchtet und in kürzester Zeit war ich mir bewusst, dass er der neue Geschäftsführer sein muss. Er hat das Alter, den Elan, hat in diesem Bereich schon gearbeitet und hat in kürzester Zeit Leben in den Verein gebracht. Als Beispiel ist unter anderem Hans Winkler, unser Nachwuchsleiter und U20 Headcoach zu nennen, der eine fantastische Arbeit macht und auch das “Innenleben” im Verein trägt die ersten Früchte.  Auch der Eintritt von Peter Peschel, dem Prokurist der Brauerei, der Marketing-Profi ist, sehe ich sehr positiv!

Meine Arbeit ist es jetzt, einen Wirtschaftsbeirat zu gründen. Ich habe schon einige interessante Personen kennengelernt, die interessiert sind hier beizuwirken und wir müssen uns als Ziel setzen, unterstützend Firmen und Sponsoren zu finden, damit das Unternehmen weiterlaufen kann und wir in dieser Liga noch mitspielen können. Im Verglich zu anderen Vereinen arbeiten beim VSV nur ganz, ganz wenig hauptberufliche Kräfte – das wissen leider nur die Wenigsten! Aber unter anderem auch dank der Stadt Villach ist der Verein heute noch in der Liga der Besten Klubs des Landes vertreten.

Wie beurteilst du deine Leistung, die du in all den Jahren für den Verein erbracht hast?

Die Leistung sind für mich nicht die Meistertitel oder die zwölf 2. Plätze. Für mich ist die Leistung, dass ich es seit meinem Beginn im Verein geschafft habe, ganz viele Menschen auf Villach aufmerksam zu machen! Der VSV und der KAC sind dafür verantwortlich, dass das österreichische Eishockey dort steht, wo es jetzt ist. Wir haben den Eishockey-Sport rund um das Jahr 2000 aufgefangen. Ich war 18 Jahre lang als Verbandskapitän tätig, was keine leichte Funktion war, da die Doppelfunktion immer angegriffen wurde. Es war aber auch eine wunderschöne Zeit für mich persönlich, da ich die Chance hatte auf der ganzen Welt Eishockey zu sehen und mir ein Netzwerk aufzubauen, von dem ich bis heute profitiere. 

Ich konnte etwas transportieren. Der VSV im Ausland ein ganz anderes Image – durch mich kennen viele Kanadier den Verein und dort bewundert man, wie wir es geschafft haben, mit einer kleinen Halle, in einer kleinen Stadt zwei NHL-Spieler hervorzubringen, die dort auch noch auf Weltklasse-Niveau mitspielen. Unsere Arbeit wird dort leider ganz anders wahrgenommen als dies zum Beispiel direkt in Villach der Fall ist. Das “geilste” für mich ist es einfach, wenn ich ein Buch in die Hand nehme, in dem über unsere Liga geschrieben wurde und man weiß, dass man erheblichen Anteil an der Entwicklung der Liga hatte. Ich war der Erste, der diesen Weg vom Spieler zum Vorstand gewählt hat und auch heute noch machen das die Wenigsten. Alle möchten Trainer oder Spieler-Vermittler werden, doch das war nie eine Option für mich. 

Was auch noch gesagt werden sollte ist, dass es mir nicht immer leicht gefallen ist manche Entscheidungen zu treffen. Meine Aufgabe war es, den Verein zurück zum Erfolg zu bringen und da gehörte es leider auch dazu, dass die Karriere eines jungen, oft erst 20 Jährigen Spieler beendet wird, da man im keinen Vertrag mehr geben kann und er keinen Platz in einem anderen Team findet. Solche Entscheidungen sind mir auch immer sehr nahe gegangen, sind aber wie gesagt (leider) Teil des Geschäfts.

Wie wirst du deine neu gewonnene Freizeit in Zukunft nützen?

Ich werde immer fauler! (lacht) Ich bin spiele Fußball, wandere gerne und fahre viel mit dem Rad, doch ich bin kein “Freizeit-Sport-Freak” mehr. Auch wenn ich nicht mehr an vorderster Front im operativen Bereich tätig bin, arbeitet mein Kopf noch immer weiter und man möchte den Verein auch weiter unterstützen. Mit meinem großen Netzwerk kann ich helfen Probleme schnell zu lösen und auch die Sponsoren-Betreuung liegt mir am Herzen. Ich muss mich auch in der EBEL wieder mehr einschalten, damit unser Eishockey dorthin kommt, wo es eigentlich schon sein sollte, auch was das Nationalteam betrifft. Ich bin auch der Meinung, dass es aufgrund der großen Zahl an Legionären zu wenige Führungspersönlichkeiten gibt. Wir brauchen wieder Spieler wie Koch, Trattnig, Unterluggauer, Welser, Kalt und Hohenberger. Ich würde mir wünschen, dass Vernunft einkehrt und wir uns zwischen fünf und sieben Legionären einpendeln, damit das ganze wieder österreichischer wird. Dafür werde ich mich einsetzen und versuchen die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass kleine Korrekturen notwendig sind, um das Eishockey wieder auf die richtige Bahn zu bringen.